Marco Spitzbarth

The End of the F***ing Internet

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art:sudormeta

SUDOR META

Ausstellung

Marco Spitzbarth: SUDOR META
at MATERIAL
https://www.materialismus.ch/events/marco-spitzbarth-sudor-meta
Schaufenster: 30. Mai – 6. Juni
Performance: 02. Juni, ~150min ab 18h

In seiner Arbeit beschäftigt sich Marco Spitzbarth mit Fragen des technologischen Posthumanismus. Dabei bewegt er sich entlang dem Spannungsfeld und der Fragen die sich beim Übergang vom analogen zum digitalen Raum und zurück eröffnen. SUDOR META erforscht die Wechselwirkung von In- und Output, Rückkoppelung von Echtzeitdaten und dem Einfluss sich optimierender Algorithmen in den Diensten der Selbstoptimierung.

Die Performace «MetaRide_Route» setzt sich mit dem Verhältnis Mensch und Maschine auseinander. Sensoren fördern und fordern Leistung, kontrollieren Datenpunkte und setzen neue Schwellenwerte, die Beziehung von Körper zur Technologie wird sichtbar. Ein mittels Immersion belebter Körper, ein Interface zum Metaversum, als Avatar wiedergeboren, in einer weiteren Simulation einer unschuldigen Welt.

Tropfen durchtränken feinste Kapillaren, schliessen sich zu fraktal artigen Arealen zusammen, mäandern, wölben, spannen und trocknen. Flüchtige Zeugen von Bewegung und Präsenz. Konservierte Strukturen der Vergangenheit, Artefakte aus dem Metaverse.


Adresse: Klingenstrasse 23, 8005 Zürich


«Wir schwitzen in einer Simulation»

laut dem Philosophen Nick Bostrom ist dies mindestens eines der drei Szenarien die er in seinem Simulationsargument zusammenfasst. Das Denkmodell bezeichnet die posthumane Stufe als eine Zivilisation, die über die Computerleitung und das Wissen verfügt, um bewusste, selbstreplizierende Avatare in einem Deteilieringsgrad hin zur molekularen Nanobotebene zu simulieren. Daraus leitet Bostrom folgende drei Möglichkeiten ab:

  1. unsere Zivilisation steht noch vor der posthumanen Stufe, die Chance diese zu erreichen wird als nahezu null angenommen in Anbetracht unserer Technologie
  2. wir sind bereits posthuman und simulieren unsere eigene Geschichte, dies ist ebenfalls sehr unwahrscheinlich, da eine posthumane Zivilisation sehr wahrscheinlich eine hohe Konvergenz aufweist und keine Individuen mehr kennt
  3. Wir leben bereits in einer Simulation, dies wird als wahrscheinlich angenommen da eine posthumane Zivilisation in der Lage sein sollte, eine Welt wie unsere mit Menschen auf unserem Entwicklungsstand zu simulieren

Auch wenn wir nicht in einer Simulation leben, so ist unser Bestreben dorthin beachtlich und bedenklich. Das Metaversum gilt als the next big thing und erhält aktuell grosse Aufmerksamkeit. So hat sich META, der Mutterkonzern von Facebook und Instagram, nicht nur den Namen gesichert, sondern investiert aktuell Milliarden in die Entwicklung von ihrem Metaversum. Ebenfalls um viel Geld geht es bei der Entwicklung offener Standards, die Metaversen untereinander verbinden und Kompatibel machen sollen. Damit der eigene Avatar zwischen den Welten reisen kann wird auf die Blockchain-Technologie gesetzt. Token wie MANA von Decentraland oder SAND von the Sandbox kämpfen gerade um die Vorherrschaft ihrer virtuellen Plattformen. In beiden Fällen wird für Millionenbeträge virtuelles Bauland versteigert das den Immobilienmarkt der echten Welt verblassen lässt. Entwicklungen von Oculus Rift, Razor, Sony und weiteren Herstellern machen gewaltige Fortschritte auf der Hardware Seite und schliessen damit den Kreis zu immersiven Erfahrungen und simulierten Realitäten.


SUDOR META

Ben L. aus Clifden in Irland möchte nicht jeden Tag im Regen fahren. Luis G. aus Lissabon in Portugal findet die Strassenverhältnisse momentan einfach gesagt brutal gefährlich. Susan und Johan O. in Palmerston, Neuseeland dürfen ihre Wohnung wegen einer Pandemie nicht verlassen. Das gilt aktuell auch für Igor S. aus Kiew in der Ukraine, allerdings hat sein Lock Down einen anderen Grund, in seinem Land herrscht Krieg. Seine Partnerin Ann B. hält sich aktuell bei Verwandten in Pistyan in der Slowakei auf. 오르페오 이재흠 aus 면목, 서울 in Süd-Korea fährt lieber in seinem keimfreien Zimmer, auch wenn der Feinstaub-Messwert heute eigentlich im grünen Bereich liegen würde. Cycling Joe teilt seinen Standort nicht, er kann seit einem Unfall nur mit sehr viel Aufwand im Freien Sport treiben, er fährt lieber mit in seinem Handbike, einem Liegevelo, sein Avatar fährt allerdings auf einem

IRL (im richtigen Leben) liegen Distanzen mehrerer Tagesreisen, Zeitzonen und Möglichkeiten zwischen uns. Im Metaversum sind wir alle gleich. Meinem Avatar habe ich den «NO TO WAR» Sleeve angezogen, einen Skin in den Farben Blau und Gelb. Um dieses Solidaritäts-Shirt freizuschalten musste ich 100km im April fahren. Igor winkt mir dafür am Start zu, er kommentiert: «nice shirt bro 👍 » Wir stehen am Start von Borrego Springs, einer flachen Route in der Wüste des Desert State Park in Kalifornien, einem Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika. Bei mir ist es jetzt 3 Minuten vor 8 am Morgen, der «Breakfast Club» startet pünktlich um 7 Uhr MEZ (Mitteleuropäischer Zeit). Susan wünscht darum aus Neuseeland allen einen guten Abend, nachdem sich ihr Avatar materialisiert hat. Die Interaktionen sind primitiv, so kurz vor dem Start bleibt nur eine Kommentarfunktion in Textform und ein Handzeichen auf Knopfdruck. Dabei hebt der Avatar seinen Arm und bewegt die gespreizten Finger erst zum Helm und streckt danach den Arm zum Gruss. Vor dem Start läuft nichts, ein Countdown zeigt die Sekunden bis zum Start. Die Wattmesser funktionieren bereits und zeigen die gewichtsbezogene Leistung an (w/kg). Dieser Wert misst die Kraft die in Relation zum Körpergewicht aufrechterhalten werden kann. Bei Joe steht der Wert bereits bei 3.2w/kg, er scheint sich aufzuwärmen, auf meinen eingetippten Kommentar erhalte ich desshalb verständlicherweise keine Reaktion. Selber lege ich die Tastatur nun auch weg und kann somit auf den kommenden 31km nicht an der Diskussion teilnehmen. Nach vier Runden a je 7.7km wird dann eigentlich erst wieder im Ziel kommentiert. Ben und 오르페오 이재흠 sind nicht erschienen, «c u tomorrow» ist eben doch mehr eine Floskel als eine verbindliche Abmachung. Dafür sind wieder viele Bots am Start, auch Pace Partner genannt, Programme, die in mehr oder weniger festen Leistungsbereichen fahren, sich als Windschatten anbieten oder sich in deinem Windkanal festsaugen.

Der Start ist geglückt, die Verbindung hält und ist stabil. Pulsmesser und Sportgerät liefern kontinuierlich Messwerte. Die Daten strömen, Positionen verschieben sich, Energie wird freigesetzt und in Datenpunkte umgewandelt. Laufend wird die Geschwindigkeit aktualisiert, der Puls kontrolliert, Abstand und Trittfrequenz optimiert. Johan ist fit, er fährt an der Spitze eine Geschwindigkeit um 35km/h, es ist eine gute erste Runde. Auch die zweite geht schnell vorbei, da wir uns hinter Johan immer wieder abwechseln und uns anstrengen müssen, um nicht abgehängt zu werden. Nach knapp 18km bricht seine Leistung ein und ich übernehme die erste Position. Den Schnitt zu halten ist das Eine, ohne Windschatten zu fahren etwas Anderes. Ich kontrolliere meine Trittfrequenz und den Puls, Schwellenwerte die sich in Echtzeit auf mein Verhalten auswirken, mich animieren, anfeuern, auffordern und auspressen. Nicht alle haben es geschafft, bei Igor war die Verbindung auf einmal unterbrochen und Luis konnte nicht fertig fahren, da er um halb neun einen Call hatte. Der Sprint am Ende mit Johan hat nochmals letzte Reserven mobilisiert, ein Kopf an Kopf Rennen um Millisekunden. Der Schweiss tropft weiter, Stirn, Rücken, Arme und Finger sind nass, entsprechend kurz halten sich am Schluss die Kommentare: «thanks» «nice ride» «good night». Auch ich logge mich aus und bin zurück in meinem Lärm.

Marco Spitzbarth, 2022

Artefakte aus dem Metaversum

art/sudormeta.txt · Zuletzt geändert: 2022/05/20 11:57 von spitz